{"id":1956,"date":"2015-05-09T16:53:46","date_gmt":"2015-05-09T14:53:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/?page_id=1956"},"modified":"2015-05-09T16:53:47","modified_gmt":"2015-05-09T14:53:47","slug":"gianna-rodari","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/?page_id=1956","title":{"rendered":"GIANNA RODARI"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Aus: \u201eGrammatik der Phantasie &#8211; Die Kunst Geschichten zu erfinden&#8220;. Reclam Leipzig 1999.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Ist die Konstruktion eines R\u00e4tsels eine \u00dcbung der Logik oder der Phantasie? Wahrscheinlich beides zugleich. Die Regel der \u00dcbung ergibt sich aus der Analyse eines sehr einfachen, volkst\u00fcmlichen R\u00e4tsels, das folgenderma\u00dfen lautet oder jedenfalls fr\u00fcher, als Ziehbrunnen noch gebr\u00e4uchlich waren, lautete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">&#8222;Lachend steigt er runter, und weinend kommt er rauf.&#8220;<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%\">(Der Eimer)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Der verschl\u00fcsselten Definition liegt ein Prozess der ,Verfremdung&#8220; des Gegenstandes zugrunde, der aus seiner Bedeutung und aus seinem herk\u00f6mmlichen Zusammenhang herausgel\u00f6st und einfach als ein Gegenstand beschrieben wird, der hinunter\u2011 und heraufsteigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">In die Beschreibung dringen jedoch Assoziationen und Vergleiche ein, die nicht mehr die Totalit\u00e4t des Gegenstandes betreffen, sondern eines seiner Merkmale, das Klangliche. Der Eimer quietscht &#8230; Das quietschende Ger\u00e4usch klingt beim Hinablassen des Eimers anders als beim Heraufziehen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Der Schl\u00fcssel der neuen Definition liegt in der Metapher, die durch das Wort &#8222;weinen&#8220; entsteht. Wenn der Eimer wieder hochkommt, schwankt er, und Wasser schwappt \u00fcber &#8230; Der Eimer &#8222;weint&#8220; &#8230; Weinend kommt er rauf.&#8220; Und aus dieser Metapher entsteht als Gegensatz die erste: &#8222;Lachend steigt er runter&#8220;. Nun steht die doppelte Metapher bereit, um das Objekt darzustellen, es zu verbergen und vom banalen, allt\u00e4glichen Utensil zum geheimnisvollen Objekt zu erheben, das die Imagination herausfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Die Analyse bietet uns also die Reihenfolge: Verfremdung \u2011Assoziation \u2011 Metapher. Das sind die drei notwendigen Schritte, welche die Formulierung des R\u00e4tsels bedingen. Die G\u00fcltigkeit der Regel l\u00e4\u00dft sich an jedem beliebigen Gegenstand pr\u00fcfen. Zum Beispiel an einem Federhalter (heute eher an einem Kugelschreiber als an einem F\u00fcllfederhalter).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\"><em>Erster Schritt:<\/em> Verfremdung. Wir m\u00fcssen den Federhalter so definieren, als s\u00e4hen wir ihn zum erstenmal. Es ist ein St\u00e4bchen, zumeist aus Plast, in Form eines Zylinders oder mehrfl\u00e4chigen Parallelepipedons und l\u00e4uft in einer konischen Spitze aus, deren Eigenheit darin besteht, beim Reiben \u00fcber eine helle Fl\u00e4che ein sichtbares Zeichen zu hinterlassen. (Die Definition ist d\u00fcrftig und ungenau. Wegen ersch\u00f6pfender Definitionen wende man sich an die Romanciers der \u00e9cole du regard.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\"><em>Zweiter Schritt:<\/em> Assoziation und Vergleich. Die helle Fl\u00e4che&#8220; der Definition bietet sich an, um andere Bedeutungen durch Bilder anzubahnen. Das wei\u00dfe Blatt Papier kann zu einer beliebigen wei\u00dfen Fl\u00e4che werden, von einer Wand bis zu einem schneebedeckten Feld. Demgem\u00e4\u00df kann, was auf einem wei\u00dfen Blatt ein schwarzes Zeichen&#8220; ist, auf einem wei\u00dfen Feld&#8220; zu einem .schwarzen Pfad&#8220;, einer schwarzen Spur&#8220; werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\"><em>Dritter Schritt: <\/em>Die Schlussmetapher. jetzt sind wir zu einer metaphorischen Definition des Federhalters ger\u00fcstet: Es ist etwas, was eine schwarze Spur auf einem wei\u00dfen Feld hinterl\u00e4sst.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\"><em>Ein vierter Schritt<\/em> \u2011 nicht unbedingt erforderlich \u2011 besteht darin, der geheimnisvollen Definition eine ansprechende Form zu verleihen. Sehr oft werden R\u00e4tsel in Versen formuliert. In unserem Falle ist es einfach:<\/p>\n<p style=\"text-indent: 36pt;line-height: 150%\">Auf einer reinen wei\u00dfen Flur zieht es eine schwarze Spur<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Hervorzuheben ist die entscheidende Bedeutung des er\u00adsten Schrittes, der scheinbar nur vorbereitend ist. In Wirklichkeit ist die Verfremdung ein wesentliches Mo\u00adment, weil sie die am wenigsten banalen Assoziationen erm\u00f6glicht und das Aufblitzen der \u00fcberraschendsten Metapher bewirkt (die in ihrer Dunkelheit f\u00fcr den Ra\u00adtenden um so anregender sind).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Warum haben Kinder solch ein Gefallen an R\u00e4tseln? Auf Anhieb w\u00fcrde ich sagen, weil sie die konzentrierte, nahezu sinnbildhafte Form ihrer Erfahrung bei der Eroberung der Realit\u00e4t darstellen. F\u00fcr ein Kind ist die Welt voller geheimnisvoller Gegenst\u00e4nde, unverst\u00e4ndlicher Geschehnisse und verschl\u00fcsselter Bilder. Ihre eigene Gegenwart in der Welt ist ein zu kl\u00e4rendes Geheimnis, ein zu l\u00f6sendes R\u00e4tsel, das sie mit direkten oder indirekten Fragen umkreisen. Das Erkennen verl\u00e4uft oft in Form einer \u00dcberraschung,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Daher r\u00fchrt das Vergn\u00fcgen, zweckfrei, spielerisch oder gleichsam zum Training das Erregende der Suche und der \u00dcberraschung zu versp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Wenn ich nicht irre, hat auch das Versteckspiel etwas mit der Lust am R\u00e4tsel zu tun. Es hat jedoch einen anderen Hauptinhalt, n\u00e4mlich den, versuchsweise noch einmal die Angst zu durchleben, verlassen zu werden, verloren zu sein. Oder sich zu verirren. ja, es ist der kleine D\u00e4umling, der das Sichverirren im Walde spielt. Wiedergefunden zu werden ist wie eine R\u00fcckkehr in die Weit, wie ein R\u00fcckgewinn der eigenen Rechte, wie eine Wiedergeburt. Zuerst gab es mich nicht: jetzt bin ich. Es gab mich nicht mehr: jetzt gibt es mich wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">In diesen Herausforderungen festigen sich das Gef\u00fchl der Sicherheit des Kindes, seine F\u00e4higkeit, gro\u00df zu werden, seine Lust an der Existenz und der Erkenntnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;line-height: 150%\">Vieles lie\u00dfe sich noch dar\u00fcber sagen, aber es w\u00fcrde das Anliegen dieser Notizen sprengen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aus: \u201eGrammatik der Phantasie &#8211; Die Kunst Geschichten zu erfinden&#8220;. Reclam Leipzig 1999. \u00a0 Ist die Konstruktion eines R\u00e4tsels eine \u00dcbung der Logik oder der Phantasie? Wahrscheinlich beides zugleich. Die Regel der \u00dcbung ergibt sich aus der Analyse eines sehr einfachen, volkst\u00fcmlichen R\u00e4tsels, das folgenderma\u00dfen lautet oder jedenfalls fr\u00fcher, als Ziehbrunnen noch gebr\u00e4uchlich waren, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":[],"categories":[],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1956"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1956"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1957,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1956\/revisions\/1957"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.derfaulepoet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}